Leserbrief zur geplanten KiBiz-Reform


Als Team einer Kindertageseinrichtung verfolgen wir die aktuellen Diskussionen rund um die geplante KiBiz-Reform mit großer Sorge, weil wir befürchten, dass die Sicht der Kinder, Familien und pädagogischen Fachkräfte dabei nicht ausreichend berücksichtigt wird.

In den letzten Jahren sind die Anforderungen an Kitas stetig gestiegen. Sprachförderung, Inklusion, Dokumentation, Entwicklungsbegleitung, Elternarbeit, Kinderschutz und Bildungsförderung gehören selbstverständlich zu unserem Berufsalltag. Gleichzeitig erleben wir, dass Zeit, Personal und finanzielle Ressourcen immer knapper werden.

Dabei ist die wichtigste Grundlage unserer Arbeit eigentlich ganz einfach:

Kinder brauchen Beziehungen.

Kinder lernen nicht zuerst durch Programme oder Konzepte. Sie lernen durch Vertrauen, durch gemeinsame Erfahrungen und durch Erwachsene, die Zeit haben zuzuhören, zu begleiten und Sicherheit zu geben.

Bindung ist keine Nebensache pädagogischer Arbeit. Sie ist die Grundlage für Bildung, Entwicklung und Teilhabe.

Deshalb sehen wir die Überlegung, Kinder mit sprachlichem Förderbedarf regelmäßig aus ihren Kitas herauszunehmen und in gesonderten Gruppen an Schulen zu fördern, sehr kritisch.

Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, dass Sprache nicht in erster Linie durch zusätzliche Maßnahmen, Sprachkoffer oder isolierte Förderangebote entsteht. Sprache entwickelt sich im Alltag. Sie entsteht beim Frühstück, beim Spielen, beim Vorlesen, beim Bauen, beim Trösten und in den vielen kleinen Gesprächen, die wir täglich mit Kindern führen.

Ein Kind spricht nicht besser, weil es für einige Stunden aus seiner vertrauten Gruppe herausgenommen wird. Ein Kind spricht besser, wenn es sich sicher fühlt, Vertrauen aufgebaut hat und Erwachsene Zeit haben, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Wer Sprachförderung stärken möchte, muss deshalb die Voraussetzungen schaffen, damit Fachkräfte Zeit für Kinder haben. Sprache wächst in Beziehungen.

Gleichzeitig möchten wir betonen, dass frühkindliche Bildung weit mehr umfasst als Sprache allein.

Kinder lernen ganzheitlich. Zu unserem Bildungsauftrag gehören neben der sprachlichen Entwicklung auch die motorische Entwicklung, soziale und emotionale Kompetenzen, mathematische Grundvorstellungen, naturwissenschaftliche und technische Erfahrungen, Kreativität, Selbstständigkeit sowie die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.

Ein Kind, das draußen balanciert, klettert, baut oder experimentiert, lernt nicht nur motorische Fähigkeiten. Es entwickelt Körperbewusstsein, Selbstvertrauen, Problemlösefähigkeiten, Sprache, soziale Kompetenzen und wichtige Grundlagen für späteres Lernen.

Diese Bildungsbereiche lassen sich nicht voneinander trennen.

Deshalb benötigen Kinder Zeit, Beziehungen und ausreichend Fachkräfte, die sie in ihrer gesamten Entwicklung begleiten können.

Besonders wichtig ist uns dabei ein weiterer Gedanke:

Kinder haben einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Sie dürfen nicht aussortiert werden.

Eine demokratische und vielfältige Gesellschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Hintergründen gemeinsam aufwachsen können. Kinder mit und ohne Behinderung, Kinder mit unterschiedlichen Familiensprachen, Kulturen und Lebensgeschichten gehören selbstverständlich dazu.

Genau das erleben wir jeden Tag in unseren Einrichtungen. Kinder lernen bei uns nicht nur Zahlen, Farben oder Buchstaben. Sie lernen Rücksichtnahme, Empathie, gegenseitige Unterstützung und Respekt. Sie lernen, dass Unterschiede normal sind und dass jeder dazugehören darf.

Wenn Kinder aufgrund einzelner Förderbedarfe zunehmend aus ihren Gruppen herausgenommen werden, verlieren wir ein Stück dieser Gemeinschaft. Kinder brauchen Zugehörigkeit statt Ausgrenzung und Teilhabe statt Stigmatisierung.

Kitas sind deshalb weit mehr als Betreuungseinrichtungen. Sie sind Bildungsorte, Beziehungsorte und Orte gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Gleichzeitig erleben wir in den Einrichtungen zunehmend die Folgen unzureichender Rahmenbedingungen.

Wir brauchen eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung der Kitas. Gute pädagogische Arbeit darf nicht dauerhaft davon abhängen, wie viele Kinder aktuell angemeldet sind oder welche Betreuungsstunden gebucht werden.

Kinder brauchen stabile Bezugspersonen. Teams brauchen Planungssicherheit. Einrichtungen brauchen die Möglichkeit, ausreichend Personal vorzuhalten, auch wenn Kinderzahlen schwanken.

Bildungsqualität darf nicht von Belegungszahlen abhängig sein.

Wir erleben bereits heute einen erheblichen Fachkräftemangel. Dabei fehlt es nicht an Menschen, die grundsätzlich gerne mit Kindern arbeiten würden. Viele Kolleginnen und Kollegen verlassen den Beruf oder reduzieren ihre Arbeitszeit, weil die Belastung immer weiter steigt und die Rahmenbedingungen den Anforderungen nicht mehr gerecht werden.

Dabei erleben wir den Beruf der Erzieherin und des Erziehers als einen wertvollen, sinnstiftenden und gesellschaftlich unverzichtbaren Beruf. Viele Menschen entscheiden sich bewusst für diese Aufgabe, weil sie Kinder begleiten und in ihrer Entwicklung stärken möchten.

Damit dies auch in Zukunft gelingt, müssen Ausbildung und Beruf attraktiver gestaltet werden. Die Ausbildung neuer Fachkräfte sollte stärker unterstützt werden, damit Träger und Einrichtungen diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe dauerhaft leisten können. Gleichzeitig brauchen wir Rahmenbedingungen, die dazu beitragen, dass Fachkräfte gesund im Beruf bleiben und langfristig arbeiten können.

Prävention bedeutet nicht nur, Kinder frühzeitig zu stärken. Prävention bedeutet auch, die Gesundheit der Fachkräfte zu schützen, damit Kinder stabile Beziehungen erleben und von erfahrenen Bezugspersonen begleitet werden können.

Aber Überzeugung ersetzt kein Personal.

Herzblut ersetzt keine Zeit.

Und Engagement ersetzt keine guten Rahmenbedingungen.

Wenn eine Fachkraft zeitweise für sehr viele Kinder verantwortlich ist, können weder Bildungsauftrag noch individuelle Förderung noch Kinderschutz in der Qualität umgesetzt werden, die Kinder verdienen.

Darunter leiden nicht nur die Fachkräfte. Darunter leiden vor allem die Kinder.

Dabei zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse seit Jahren, dass Investitionen in die frühe Kindheit zu den wirksamsten Investitionen überhaupt gehören. Was wir heute in Kinder investieren, zahlt sich später vielfach aus – in Form von besseren Bildungschancen, höherer gesellschaftlicher Teilhabe und geringeren Folgekosten.

Wer heute an Kindern spart, spart an der Zukunft unserer Gesellschaft.

Wir wünschen uns deshalb eine KiBiz-Reform, die Kinder, Familien und Fachkräfte stärkt und sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Praxis orientiert.

Dazu gehören aus unserer Sicht insbesondere:

- eine verlässliche Grundfinanzierung der Kindertageseinrichtungen,
- ausreichend Personal unabhängig von kurzfristigen Schwankungen bei Kinderzahlen oder Buchungsstunden,
- die Stärkung von Bindungs- und Beziehungsarbeit als Grundlage frühkindlicher Bildung,
- die Förderung ganzheitlicher Bildung in den Bereichen Sprache, motorische Entwicklung, soziale und emotionale Entwicklung, Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Kreativität,
- Sprachförderung im Alltag der Kita statt Aussonderung einzelner Kinder,
- bessere Rahmenbedingungen zur Gewinnung, Ausbildung und langfristigen Bindung von Fachkräften,
- präventive Maßnahmen zur Gesunderhaltung pädagogischer Fachkräfte,
- echte Inklusion und Teilhabe für alle Kinder,
- die Anerkennung von Kitas als Bildungsorte und nicht als reine Betreuungsstätten.

Kinder brauchen Zeit.

Kinder brauchen Beziehungen.

Kinder brauchen Zugehörigkeit.

Kinder brauchen Erfahrungen, Sprache, Gemeinschaft und die Möglichkeit, die Welt ganzheitlich zu entdecken.

Und Kinder brauchen Erwachsene, die die Möglichkeit haben, ihre Arbeit professionell, verantwortungsvoll und langfristig gesund auszuüben.

Wir fordern Sie deshalb auf, die Erfahrungen der Menschen ernst zu nehmen, die täglich mit Kindern arbeiten, und die geplanten Änderungen konsequent am Kindeswohl, an der Bildungsqualität und an Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auszurichten.

Mit freundlichen Grüßen

Das Team des Ev. Stephanus-Kindergartens